GERHARD HERRER
25 Mar
25Mar

Thurgauer Ueli Hagen stillliegt auf seinem Seehof einen Whisky von exzellenter Qualität.


Ueli Hagen, der Brenner, ist im Seehof, da müssen Sie raus aus dem Dorf, dann geht es runter, am See vorbei, dann sehen Sie ihn schon», weist uns die Frau vor dem kleinen Hüttwilener Dorfladen den Weg zum idyllisch mitten in Feldern und Wiesen gelegenen Bauernhof. Schon an der Hofeinfahrt führt der leicht beissende Geruch von frischverbrannter Buche und Eiche, vermischt mit dem süsslichen Duft von Trauben, zur kleinen Brennerei. Im Kessel brodelt gerade die Maische der Blauburgunder-Trauben vor sich hin. «Das gibt einen Schweizer Marc, besser bekannt als Grappa, aber so dürfen wir ihn nicht nennen», sagt Ueli Hagen und legt zwei Scheite Holz aufs Feuer. Daneben, auf dem Tisch: «Hagen's Best», Swiss Single Malt Whisky. Hagen ist einer der Whisky-Pioniere der Schweiz. Den Whisky hat er bereits vor fünf Jahren gebrannt, dann im Holzfass im Keller gelagert und vor einem Jahr in Flaschen abgefüllt. 


Mit Eichen- und Buchenholz heizt Ueli Hagen im Seehof Hüttwilen den Brennkessel an.


600 Liter Whisky pro Jahr

Schottland, Irland, Kentucky, Tennessee und Kanada - aber ein Single Malt Whisky aus dem Schweizer Kanton Thurgau? Im Sommer 1999, mit der Lockerung des eidgenössischen Alkoholgesetzes, hat Ueli Hagen zum erstenmal Whisky gebrannt. Zuvor war das Brennen von Getreide, Kartoffeln und Gemüse verboten. Drei Jahre lang lagerte der Landwirtschaftsmeister seinen Swiss Single Malt im Eichenfass im Keller des Seehofes. Dann durfte der erste Hüttwilener Whisky ausgeschenkt werden und wurde prompt ein Erfolg. Die 50 Liter waren binnen einer Woche verkauft. Auch vom fünf Jahre im Holzfass gelagerten 2003er gibt es nur noch wenige Flaschen. Jährlich werden in der kleinen Destillerie 600 Liter Whisky gebrannt. Dafür werden etwa 12,5 Tonnen Getreide verarbeitet. Der Landwirt ist einer der ersten, die sich nach der Änderung des Gesetzes ins Whiskymachen wagten und damit die Palette der Hausgebrannten, wie Grafensteiner, Williams, Alte Zwetschge oder Kirsch und Pflümli, erweiterten. Für «Hagen's Best» hat Ueli Hagen seine ganz eigene Philosophie. Rohstoff aller Malt Whiskys ist Gerste. Hagen lässt diese, um die Stärke des Getreides in den zum Brennen nötigen Zucker umzuwandeln, ankeimen. Das angekeimte Getreide wird getrocknet, gemahlen, wieder befeuchtet und erwärmt. So entsteht Malz. Dem setzt er Hefe zu und lässt alles vergären. Danach wird im Brennkessel destilliert. Durch das Brennen wird der Maische der Alkohol entzogen. Nach gut drei Stunden entsteht so ein klarer, durchsichtiger Getreideschnaps. Die typische goldene Farbe bekommt der Schweizer Whisky durch die drei- bis fünfjährige Lagerung im Eichenfass in der Scheune des Seehofes, wo es im Winter mal bis zu 15 Minusgrade kalt, aber im Sommer auch 30 Grad warm ist. «Das ist gut für den Reifungsprozess», sagt Hagen.Um auf die gewollten 42 Prozent Alkoholgehalt zu kommen, wird immer wieder natürliches Wasser aus einer Quelle in der Nähe des Seehofes zugeführt. Entgegen den üblichen Produzenten, die wegen des Geschmacks ehemalige, aber ausgebrannte Weinfässer nehmen, hat sich Hagen für neue, gerade 50 Liter fassende Eichenfässer entschieden. Auch diese werden nach drei Lagerungen ausgebrannt, getoastet, wie die Fachleute sagen. So ist der Thurgauer Whisky nicht rauchig oder torfig, sondern leicht bekömmlich. Auch schmeckt man das Getreidearoma etwas heraus. «Der Geschmack ist unverfälscht, das ist mir sehr wichtig», sagt Hagen. Dies ist vielleicht mit ein Grund, wieso gerade Damen öfter zum Hüttwilener SingleMalt greifen.


1700 Jahre alte Eichenstücke

Drei Sorten hat der Destillateur im Angebot. Number One ist in französischer Eiche gelagert und hat ein ausgesprochen herbes Aroma. Number Two wird im amerikanischen Eichenfass zur Reife gebracht und hat ein eher feines Aroma. Der Number Three Oak Spezial hat nach der Reifung eine blau-grüne Farbe sowie ein äusserst herbes Aroma. Der Grund: Er hatte im französischen Eichenfass zusätzlich Kontakt mit kleinen Stücken eines 1700 Jahre alten Eichenholzes. Der Stamm wurde gefunden, als die Hagens 2004 einen neuen Kuhstall bauten. Die Holzexperten des Oenologischen Institutes in Tübingen fanden heraus, dass vor 1700 Jahren am jetzigen Standort des Stalls eine zwanzig Meter hohe Mooreiche gestanden haben musste. «Je älter, desto besser», gilt aber auch für einen Schweizer Whisky. Deshalb freut sich Ueli Hagen schon auf das erste Gläschen des zehn Jahre lang im Eichenfass gelagerten Whiskys.Mit dem Whisky sind Hagens Tüfteleien aber noch nicht zu Ende: Als «erdig und ungewöhnlich» bezeichnet er den ebenfalls nach 1999 erstmals angesetzten Rüeblischnaps - sein «Rüeblitraum». Weil bei den Möhren die Ausbeute etwa ein Zehntel im Vergleich zur Frucht ist, ist sie gering. Gut 50 Kilogramm Möhren müssen für einen Deziliter «Rüeblitraum» verarbeitet werden. Aus dem ebenfalls eigenen Weizen hat Hagen zudem einen Wodka gebrannt. Und 2003, als in der Schweiz das Verbot der Absinthherstellung aufgehoben wurde, begann er die «Grüne Fee» herzustellen. «Whisky und Absinth haben ihre eigenen Geschichten, auch wenn diese etwas verrufen ist**.», schmunzelt Hagen, der die von seinem Grossvater 1919 eröffnete Destillerie mit der im Kessel eingeprägten Brennereikonzessionsnummer** TG-96 nunmehr in der dritten Generation betreibt.


Whisky aus «Mostindien»

Der Whisky made in Thurgau ist zugleich eines der weiteren Standbeine des 49-Jährigen. Gemeinsam mit seiner Frau Verena betreibt er den idyllisch an den drei Hüttwilener Seen, einem Naturdenkmal von nationaler Bedeutung, gelegenen Seehof. Dazu gehören 19 Hektar Ackerland und ein Hektar Obstbäume, wie im Thurgau üblich. Nicht umsonst wird der Kanton am südlichen Bodensee- und Rheinufer im Volksmund «Mostindien» genannt. Im Stall stehen 45 Milchkühe. Und in den drei Wintermonaten, wenn in der Landwirtschaft nichts los ist, wird «geschnapst», wie er sagt. Als Lohn- und Gewerbebrenner arbeitet er zu 95 Prozent für seine Kollegen, auch für die Winzer, die an den sonnenreichen Hängen des Seerückens ihre Reben anbauen. Viele davon schwärmen übrigens vom Hüttwilener Whisky. Am besten soll man diesen in einer ruhigen Stunde vor dem Cheminée geniessen, mit einer Zigarre in der Hand. Genau so, wie es der Japaner macht, der sich kürzlich in Hüttwilen gleich vier Flaschen Swiss Single Malt bestellte. Oder wie die Dame aus dem Frauenfelder Altenheim, die ebenfalls eine Flasche der «Medizin fürs Herz» kaufte. Sie schwört nach wie vor auf das morgendliche Glas Whisky.

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